Ein behindertes Kind - was nun?

Man sollte sich bewusst eine Frage stellen: KANN ICH MEIN KIND LIEBEN? Wer diese
Frage mit JA beantworten kann, soll sich vom Arzt nichts einreden lassen. Für
einen Mediziner ist die Begründung "nicht lebensfähig" oder "Abweichung der
Medizinischen Norm" Grund genug um das Kind abtreiben zu lassen. Aber wer denkt
hier an die Mütter? Wer an die Väter und wer denkt an das ungeborene Kind? Wer
denkt an die vielen Kinder die aufgrund einer Fehldiagnose abgetrieben wurden?
Wenn man sich entscheidet das man ein Kind in die Welt setzt, sollte man sich
bewusst vor Augen halten das man sein Kind nicht gegen das Licht halten kann um
nachzusehen ob es auch in die Familie passt. So bald ein Arzt den werdenden
Eltern mitteilt, das ihr ungeborenes Kind behindert oder krank zur Welt kommen
wird, werden meist schnell die Termine zur Abtreibung verteilt. Eltern brauchen
nach einer solchen Mitteilung Zeit, Gespräche und vor allem einen klaren Kopf!
Ich kann mit meinen Erfahrungen Mamas und Papas nur folgenden Rat geben: Geht
nach Hause, weint oder schreit und sprecht mit anderen Eltern oder wendet euch
an einen Verein.
Ich weiß das eine solche Diagnose nicht einfach für das Gefühlsleben ist. Ängste
und Sorgen haben die erste Zeit die Übermacht. Gerade deswegen sollte man sich
nicht nur über eine Abtreibung Gedanken machen oder wie man das Kind am
schnellsten "los wird", sondern sich über die Diagnose genauestens Informieren.
Wenn man das Glück hat einen Verständnisvollen Arzt zu haben, wird dieser auch
ein offenes Ohr haben. Leider sind die meisten Ärzte für eine Abtreibung und
deshalb sollte man sich an Vereine oder andere Eltern wenden, um Informationen
und Verständnis für alle aufkommenden Gefühle zu bekommen.
Es ist sehr wichtig das man sich über das Kind Gedanken macht, wie es sich wohl
entwickelt und was auf einen zukommt! Und diese Dinge kann man von keinem Arzt
erfahren! Ich verurteile keinen, der sein Kind aufgrund Angst oder anraten des
Arztes abtreibt. Ich verurteile nur Menschen die sich keine Gedanken machen und
sich für den einfachsten Weg entscheiden ohne sich vorzustellen wie das Leben
MIT dem Kind werden wird. Es gibt so viele Eltern die viel Glück mit ihrem
behinderten Kind erfahren und von ihm lernen. Es gibt so viele Eltern die froh
sind das sie ihr Kind behalten haben und würden es um keinen Preis der Welt
hergeben.
Ich selbst habe jede Minute mit meiner Tochter genossen und auch wenn unser Weg
kein einfacher war, ich würde, wenn ich die Zeit zurückdrehen könnte, Melanie
wieder zur Welt bringen. Nur würde ich etwas anders machen: Vorher mit anderen
Eltern sprechen! Denn nur sie haben die Erfahrung und die nötigen Gefühle um zu
wissen, über was sie sprechen!
Nie hat man Gewissheit, das die gesunden Kinder auch gesund bleiben. Erkrankt
ein Kind nach der Geburt wird alles Menschenmögliche getan! So sollte es auch
mit dem ungeborenen Leben sein, denn "Mensch sein" fängt nicht erst an, wenn man
geboren wurde, sondern am Tag der Entstehung. Das wichtigste ist in einer
solchen Situation nicht nur an sich sondern auch an das ungeborene zu denken
das, wäre es "gesund" auch ein Recht auf ein normales Leben hätte.

Ich bin die Mutter... Diesen Text habe ich nach einer
Podiumsdiskussion "Wertes unwertes Leben" geschrieben. Es waren einige Ärzte,
Politiker und Vereine anwesend. Im Publikum saßen viele Menschen mit
Behinderung. Man sprach offen darüber, das behinderte Menschen in unserer
Gesellschaft nicht mehr "passieren" müssten. Ein Arzt von der Uniklinik
Innsbruck hat dieses Beispiel gebracht:
"Stellen sie sich vor, sie sitzen im Bus und eine Mutter mit einem behinderten
Kind steigt ein. Denken sie sich nicht auch - so etwas dürfte in der heutigen
Gesellschaft nicht mehr passieren?" ...
Ich bin die Mutter ...
Ich bin die Mutter die mit ihrem behinderten Kind in den Bus steigt, der
Rehabuggy ausgerüstet mit einem Absauggerät und einer Sauerstoffflasche, ich
lächle der heutigen Gesellschaft ins Gesicht, denn für mich ist es nicht von
Bedeutung ob mein Kind anders ist. Ich bin keine Behinderung für die
Gesellschaft, die Gesellschaft behindert mich und meine Tochter, am Leben so
teilzuhaben, wie es wir uns wünschen.
Ich bin die Mutter, der man sagen würde, ihr Kind ist nicht "Lebensfähig"
denn es hat eine Lebenserwartung von 6 Monaten.
Ich bin die Mutter, der man sagen würde, das Kind in meinem Bauch ist
fürs Leben nicht genug ausgerüstet und zum Kämpfen nicht genug wert.
Ich bin die Mutter der sie anbieten würden das lebensunfähige
"Lissencephaly" Kind zu entfernen.
Ich bin die Mutter, der nichts gesagt wurde und das Kind ausgetragen hat.
Ein Fehler von mir oder ein peinlicher Fehler der Klinik? Oder eine Behinderung
für die Gesellschaft, da mein behindertes Kind teuer ist aber nie einen Beitrag
für die Gesellschaft leisten wird?
Ich bin die Mutter der eine unfähige Psychologin zugestellt wurde, ich
bin die Mutter, der kurz nach der Geburt das Kind genommen wurde und gesagt
wurde, mit dem Gehirn stimmt was nicht - sie müssen sich aufs "schlimmste"
gefasst machen...
Ich bin die Mutter die das "schlimmste" so angenommen hat, wie sie es zur
Welt gebracht hat,
Ich bin die Mutter, die der Meinung ist das nicht die Behinderung an sich
schlimm ist, sondern die Welt in der es hineingeboren wurde. Denn so ein
"Fehler" dürfte ja in der heutigen Zeit nicht mehr passieren.
Ich bin die Mutter, die dankbar an alle Tage zurückdenkt, die sie mit
ihrem Kind erleben durfte.
Ich bin die Mutter, die die Erleichterung der Gesellschaft spürt, das der
geborene Fehler nun nicht mehr angesehen werden muss da sich die Prophezeiung
erfüllt hat und das Kind von selbst und ohne Abtreibung gestorben ist.
Und das wir dem ganzen noch einen Namen geben, taufe ich den "Fehler", denn
meine Tochter heißt nicht behindert oder Lissencephaly, sondern hat den
liebevollen Namen Melanie.

Ich wurde z.B. von der Kärntner Landesregierung angeschrieben, da sie den
Text für ein Buch haben wollten. Auch in einer Zeitung wurde er schon
abgedruckt. Gerne stelle ich weiteren Interessierten diesen Text zur Verfügung,
gekürzt oder die lange Version.
Mail
genügt!
